Susi allein im (Erotik-)Chat

„Hereinspaziert, hereinspaziert, meine Damen und
Herren! Immer nur hereinspaziert ins Kuriositäten-
Kabinett! Hier findet ein jeder, was er braucht:
Die Frau die Frau, der Mann den Mann, das Paar die
Frau, den Mann oder das andere Paar, der Sklave seine
Herrin, die Zofe ihren Meister, der Sub den Top.
Und sogar der Mann die Frau – wenn er denn das
Glück hat, dass es sich auch wirklich um eine Frau
handelt! Ob Mann oder Frau, wer weiß es genau?
Hereinspaziert in die Welt des Erotik-Chats!“
So ungefähr könnte die Ansage für die neue Welt
lauten, die sich – von einem Teil der Menschheit noch
völlig unbemerkt – um uns herum aufgetan hat.
Dabei ist diese Welt mehr als existent: Die Zuwächse
im Internet-Umsatz von T-Online, HanseNet/AOL und
all den anderen Anbietern belegen, dass allein in
Deutschland Millionen Menschen nicht nur Stunde um
Stunde, sondern Nacht für Nacht und Tag für Tag im
Chat verbringen. Wobei der Anteil der weiblichen
Internet-Nutzer in der letzten Zeit weit überproportional
gestiegen ist: Mittlerweile ist auch jede zweite Frau
im Netz.
Egal, zu welcher Tages- oder Nachtzeit man in einen
Chat kommt, immer kann man dort dieselben Namen
finden. Auch die Dialoge dazu unterscheiden sich
kaum, jedenfalls nicht in Form und Thema. Geistiger
Wert? Sozialer Wert? Wenn es für die Chatter okay ist,
dann soll es das wohl sein. Für die Internet-Anbieter
(oft stecken übrigens ansonsten als äußerst seriös bekannte
Geschäftsleute dahinter) auf jeden Fall: Es ist
nicht immer ein Vorurteil, dass es sich bei Chattern um
allein stehende Bezieher von Sozialhilfe handelt. Die
sich immer mehr verschulden, weil sie die Rechnungen
für ihren Flat nicht bezahlen können. Es kommt sogar
vor, dass die letzten realen Freundschaften daran zerbrechen,
dass sich die eine unter dem Kennwort der
anderen einwählt, um so auf deren Kosten zu chatten.
Gut, man kann darüber streiten, ob jemandem mit Kontakten
dieser Art geholfen ist oder nicht, wie groß die
Suchtgefahr durch das Internet wirklich ist und ob die
Menschheit dadurch noch blöder werden kann als sie es
ohnehin schon ist. Das ändert aber nichts daran, dass
jeder selbst entscheiden muss (und dies auch tut), ob
und wie er das Ganze nutzt.
Sicher gibt es reichlich Diplomarbeiten zu den sozialen
und emotionalen Aspekten dieses Themas. Und
je realer die virtuelle Welt wird, umso mehr wird sich
auch die Presse damit beschäftigen. Hier aber soll es
ganz konkret um den Erotik-Chat gehen – und was man
in Räumen mit so bildhaften Bezeichnungen wie
Parkplatztreff, Blind/Real Date, Rollenspiele, Rubens,
Dom/Dev, Gays, Biker-Treff, 40+ oder Women only
alles erleben kann. Und auch, wer sich hinter den
„reizenden” Nicknamen BayernMolli, Er-am-wichsen,
superpussi, GutSteifLecker, LatexLady, Viola23TV,
süßeMaus, CamSklave und HerrinExtrem verbirgt.
Am ehesten darüber Auskunft geben kann eine Frau,
die sich mit ihrem Vornamen, ihrem Alter und/oder
einem anderen Zusatz eingeloggt hat, zum Beispiel
Susi24_les, Carola85c oder AndreaDDsuXXL. Dass Susi
les ist, was natürlich lesbisch heißt (wird aber häufig
mit bi verwechselt, also an M und W interessiert),
schützt sie in keiner Weise davor, dass sich plötzlich
Fenster vor ihr auftun mit so sinnreichen Sprüchen wie:
„Hi, willst du ficken?“ oder „Ich schiebe mir vor der
Cam einen Apfel in den Arsch, willst du zusehen?“
Wen wundert es wirklich, dass es dem einen oder
anderen offensichtlich an Zeit oder Gehirn mangelt ... ?
Hat Susi, Carola oder Andrea dazu noch ein paar
Sätze über sich und ein Foto im Profil, das von allen
Chat-Teilnehmern einsehbar ist (also eigentlich jugendfrei
sein sollte), dann spricht schon einiges dafür, dass
Susi auch wirklich Susi ist (vor drei Jahren 24) und nicht
Karl-Heinz, 57.
Denn es gibt natürlich auch „Fakes“, worunter meist
Männer einzuordnen sind, die sich als Frauen ausgeben.
(Eher selten: Eine Frau gibt sich als Mann aus ...) Und
von manch anderen in ihren Profilen dann als Fakes
„aufgedeckt“ werden. Das ist nicht nur sinnlos, weil
nichts leichter ist als eine Identität zu wechseln, sondern
kann auch leicht bedeuten, dass sich derjenige mit einer
Fake-Liste nur selbst scheinbare Glaubwürdigkeit verschaffen
möchte. Man kennt das: Wenn ein Kreter sagt,
alle Kreter lügen ...
Dabei sind die Fakes im Allgemeinen ohnehin unschwer
an ihrer Phantasielosigkeit zu erkennen. Nicht
nur, dass ihre Erfinder sich Namen geben, die sich keine
Frau freiwillig verpassen würde, wie beispielsweise
GeileTina, FeuchteMuschi oder DickeTitten, nein, die
Phantasie reicht nicht einmal für einen eigenen Satz im
Profil aus. Geschweige denn, dass ein Foto dazugestellt
wird. Das soll nicht heißen, dass es sich bei so einem
Auftritt nicht vielleicht doch um eine Frau handeln
kann – es gibt ja auch phantasiearme Frauen, neugierigschüchterne
und vor allem welche, die nicht über eine
Digitalkamera oder einen Scanner verfügen.
Gehen wir also nicht von einem Fake aus. Und auch
nicht von einem Mann, der entweder einen anderen
Mann sucht (was nicht allzu schwierig sein dürfte) oder
eine Frau (das umso mehr). Lassen wir auch die Paare
beiseite, die sich entweder gegenseitig suchen oder sich
vergeblich um eine Frau bemühen (attraktiv, willig, direkt
um die Ecke wohnend).
Folgen wir Susi in den Erotik-Chat, in dem sich Susi
nicht einfach nur unterhalten möchte. Letzteres gibt es
zwar auch, aber entweder stellt sich das später als eine
(Selbst-)Lüge heraus, oder man ist einfach am falschen
Platz. Die großen Internet-Anbieter (wie Yahoo, Freenet,
GMX oder MSN) und die meisten Medien (wie RTL,
ZDF, Pro7, Stern, Die Zeit) bieten in ihren Internet-
Portalen Chat-Plattformen und Foren jeder Art – zum
Austausch von Kochrezepten, zum Reden über das
Wetter oder die Kinder, zum Beklagen der gesundheitlichen
Wehwehchen in der jeweiligen Altersgruppe,
zum Anwenden seiner Sprachkenntnisse in Englisch,
Französisch, Spanisch oder Sächsisch und, und, und.
Aber Susi interessiert sich nun einmal für den Erotik-
Chat, und zwar den ebenso „seriösen“ wie interessanten,
der ihr zum Beispiel von Freenet oder von
Zeitschriften wie „Coupé“ geboten wird. Den, wo es zur
Sache geht, ohne dass die Nachbarn etwas davon mitbekommen.
Es sei denn, man benutzt einen WLANAnschluss,
und der Nachbar hat sich einfach kabellos
dazugeschaltet ...
Susi kann uns sagen, wie es ist, von den Männern
„angefenstert“ zu werden. Und sie nimmt kein Blatt vor
den Mund, wenn sie es ungefähr so wie einen Porno-
Film beschreibt. Direkt, wenig elegant oder gentlemanlike,
fokussiert auf Geschlechtsteile im verbalen
Verkehr, präsentiert vor einer Webcam oder real zur
Verfügung gestellt auf einem Autobahn-Parkplatz, zum
Beispiel einem Autohof an der A1 zwischen Hamburg
und Bremen. Das Runde muss ins Runde, Schwanz
sucht Dreiloch-Stute. Und anscheinend gibt es tatsächlich
weibliche Wesen, die auch auf diese Weise ihre
Befriedigung finden. Oder dem Großteil der männlichen
Anbieter ist damit gedient, im Rundumschlag
alles möglicherweise Weibliche mit erregend befreienden
Worten erreicht zu haben.
Susi kann auch ein Lied davon singen, wie viele
Paare sie teilen möchten. Sie hat davon gehört, dass dies
manchmal sogar funktioniert, am besten dann, wenn
das Paar dominant und die Susi devot ist. Oder, wenn
die Susi so dominant ist wie der männliche Teil des
Paares und sie gemeinsam die arme Ehefrau erniedrigen
können. (Ist diese masochistisch veranlagt, ist
sie natürlich nur dann arm dran, wenn sie nicht erniedrigt
wird – oder ...?)
Manchmal lernt Susi auch eine Frau kennen, die sich
plötzlich als Paar herausstellt. Dann wird Susi gern mit
Versprechungen gelockt: „Mein Mann will auch nur
zuschauen.“ Aber Susi ist nicht so blond, dass sie darauf
hereinfällt. Obwohl, einmal kam Susi sich schon ganz
schön blond vor. Das war, als ihr eine Frau schrieb:
„Oben habe ich helle Haare, unten dunkel.“ Susi fragte:
„Unten? Im Ansatz?“ Und die Frau antwortete: „Nein,
Susi, zwischen den Beinen.“
Da Susi kein Mann ist, weiß sie auch nicht, wie das
so mit dem Sex zwischen Männern ist. Sie weiß nicht,
dass ein Gay, ein Schwuler, einen anderen auf der
Straße erkennt. Sie weiß nicht, dass es bei uns heute
mehr Schwulen-Saunen gibt als vor weit über zwanzig
Jahren, als Aids in Europa zur identifizierten Gefahr
wurde. Und dass dort heute zwar gelegentlich
Kondome angeboten, aber ziemlich unregelmäßig benutzt
werden. Sie war auch noch nicht in einem dieser
Clubs, die aus dem Film „Cruising“ stammen könnten.
Und obwohl sie beim Christopher Street Day viele
lustige Schwule gesehen hat, die aussahen wie „Frankie
goes to Hollywood“ oder Drag Queen Olivia (kein
Wunder, es war tatsächlich Olivia), weiß sie auch nicht,
dass viele Schwule im Chat nicht nur ihre Phantasien
austauschen wollen, sondern letztlich auch ihre Körperflüssigkeiten
– ebenso wie in der Gay-Sauna, wo die
auch nicht einfach nur ausgeschwitzt werden.
Schade, dass Susi kein schwuler Mann ist, denn
dann wäre es ganz einfach für sie: „Rein in den Chat,
sich jemandem beschreiben, der in der Nähe wohnt,
einen Treffpunkt ausmachen. Und dann kann’s losgehen.“
So einfach würde sie es jedenfalls beschreiben,
wenn sie Sprecher für die „Sendung mit der Maus“
wäre. Aber Susi ist ja schließlich kein Mann.
Susi ist auch keine Transe, kein TV (man sieht
manchmal auch welche im Fernsehen, aber TV heißt
nicht Television, sondern Transvestit) oder TS (Transsexueller).
Die haben’s bestimmt nicht leicht. Nicht in
ihrer Familie, beispielsweise in Indien, Brasilien,
Kolumbien oder Thailand. Und auch nicht in Europa,
wo sie zwar nicht immer verachtet werden und sich
verstecken müssen, sich aber oft prostituieren müssen,
um zu überleben und Anerkennung zu finden. Zum
Beispiel in den neuen Thai-Puffs (Laufhäuser), in denen
so schöne Frauen vor den Zimmern sitzen, häufig mit
einer Extra-Überraschung zwischen den Beinen für ihre
betrunkenen Freier. Oder im Internet, wo der Kunde
schon vorher viel mehr zu sehen bekommt als in den
einspaltigen Anzeigen der „Morgenpost“. Auf jeden
Fall gibt es auch in den Erotik-Chats immer wieder
Transvestiten. Warum auch nicht, schließlich gibt es sie
auch sonst. Aber Susi weiß eben nicht so genau, was die
suchen (jeder sucht doch etwas, oder?), vielleicht
menschliche Wärme oder interessante Gespräche. Oder
einfach nur handfeste Sauereien. Und früher oder später
findet bekanntlich jeder, was er sucht.
Schließlich ist Susi auch kein DWT. Ein DWT ist ein
Damenwäscheträger, und obwohl Susi tatsächlich normalerweise
Damenunterwäsche trägt (weil Susi ein
wenig vergesslich ist, denkt sie manchmal überhaupt
nicht daran, einen Slip anzuziehen), ist sie kein DWT,
denn um ein DWT zu sein, muss man vor allem ein
Mann sein. Das sollte man wissen.
Nein, Susi ist eine Frau. Und als Frau hat Susi ganz
genaue Vorstellungen, was sie will und was sie
bekommen kann. Im Erotik-Chat kann sie sich zum
Beispiel ganz nett mit einer anderen Frau unterhalten,
über die Lebensphilosophie ebenso wie über die Art
ihrer Dessous oder die Form ihrer Brustwarzenhöfe.
Das kann einfach nur ein nettes Gespräch sein, es kann
aber auch durchaus mal ein Orgasmus dabei herauskommen
– wie dieser kurze (und natürlich wirklich so
von Susi geführte!) Chat-Dialog zeigt:

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