1. Tag

Das Rütteln im Führerhaus war ebenso gleichmäßig wie einschläfernd. Etwas Abwechslung hatte es nur vor einer halben Stunde gegeben, als die Autobahn von den Warnlampen plötzlich hellgelb erleuchtet war und ihm schlagartig bewusst wurde, dass die nächste Abfahrt seine war. Sonst hätte er durch den Elbtunnel fahren müssen und wäre auf sämtlichen Überwachungsmonitoren zu sehen gewesen.

Und dann hätten sie vielleicht auch gesehen, dass dieser fette Brummi kein lieber netter Ich-bring-euch-Hamburger-und-Pommes-Brummi, sondern ein Oh-wie-giftig-ist-meine-Ladung-Truck ist.

Lächerlich. Jede Bauersfrau kann in den Elbtunnel fahren, sich mit fünf Litern Benzin übergießen und mit ihrem Daimler in die Luft jagen. Was zur Folge hatte, dass dreiundsechzig Autos ineinander fuhren, ein paar Leute an geplatzten Schädeln oder vor Schreck starben und im anschließenden Stau etliche Ladungen Fastfood verdarben. Aber wirklich wichtige Touren, chemische Transporte für die Wissenschaft oder radioaktives Material für die Energieversorgung, die müssen aus den Städten raus. Nur weil ein paar Körnerfresser sich heimlich an einer Tankstelle an einen Truck ange-schlichen und dabei Fotos für eine Illustrierte gemacht haben. Hier – schaut mal alle her, wie leicht das geht! Wenn wir jetzt Terroristen wären, würden wir die Kiste in die Luft sprengen! Bumm! Das arme Schwein, das den Truck gefahren hatte, konnte sich schon am nächsten Tag einen anderen Job suchen. Keine Abfindung, kein Weihnachtsgeld, noch nicht einmal ein Dankeschön für achtzehn Jahre Kilometerfressen.

Also runter von der Autobahn und rauf auf die Bundesstraße. Was interessiert die Leute in der Stadt, wer über die Dörfer fährt. Und wenn das auch irgendwann mal verboten wird, dann wird der Boss bestimmt schon eine andere Möglichkeit austüfteln. Hauptsache, das Zeug landet nicht wieder auf den Schienen. Schließlich bringt gefährliche Ladung doppelte Kohle. Doppelte Kohle, das bedeutet doppeltes Vergnügen ...

Okay, die Tour ist länger, man fährt nur im Dunkeln und muss hinterher erst mal eine reichliche Lage schlafen. Aber dann wird richtig einer draufgemacht: Zuerst mit den Jungs im Eichenkrug. Vielleicht beim Skat, vielleicht aber auch ein bisschen quatschen mit ein paar Hellen und zwei, drei Klaren. Und dann den Absprung finden. Denn für Marija muss man fit sein.

Marija, das war wie fünf Richtige mit Zusatzzahl. Kein absoluter Volltreffer, den gab’s im echten Leben ja sowieso nicht. Aber eine Superfrau, nicht satt zu bekommen. Sie war stolz auf ihre vollen, schwarzen Haare, die bis über seine Beine fielen, wenn sie auf ihm saß und den Kopf nach hinten warf. Und er liebte es, ihre schweren, warmen Brüste in den Händen zu halten, sie langsam zu massieren, während sie, glänzend vor Schweiß, ihre Muskeln anspannte und mit einem  – Ruck, der ihn schlagartig in die Gegenwart zurückrief und die Augen aufreißen ließ!

Wie in einem alten, gerissenen Super-8-Film flackerte das Ortsschild von Quickborn vor der Windschutzscheibe, das Lenkrad vibrierte, sprang ihm plötzlich aus den Händen, nach oben – das war ein Kantstein, dachte er – und er bekam das Lenkrad wieder zu fassen, riss es herum, knallte die Füße gleichzeitig auf Kupplung und Bremspedal, hörte das Zischen der Bremsluft und fühlte mehrere kurze, heftige Stöße im Blech auf der rechten Seite, helle Metallteile flogen am Fenster vorbei, jetzt war er wieder voll da, ganz cool, wie immer, wenn es ernst wurde, aber dann wurde es auf einmal ganz hell, als die Windschutzscheibe sein Gesicht verschlang und das ganze Gewicht des Hängers den Truck gegen den Widerstand der Bäume drückte und ihn nach oben schob, es wurde hell und heiß – und ohne noch ein einziges Mal an Marija denken zu können, ohne einen einzigen schnellen Gedanken an sein Leben, das jetzt zu Ende war, wurde es dunkel.

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Der Katastrophenschutz war auf Einsätze dieser Art perfekt vorbereitet. Es war bekannt, zu welchen Zeiten und auf welchen Straßen Transporte mit gefährlichen Gütern unterwegs waren. Ein eingespieltes Team von Entsor-gungsspezialisten war innerhalb kürzester Zeit zur Stelle, wenn etwas passierte.

Deshalb wunderte sich niemand darüber, dass nur sieben Minuten, nachdem der Unfall bei der Polizei gemeldet worden war und ganze sechs Minuten vor dem ersten Zug der Freiwilligen Feuerwehr bereits zwei weiße Spezialfahrzeuge des chemischen Einsatzkommandos mit Blaulicht vor Ort eintrafen. Ein Dutzend Männer in Schutzanzügen sprangen heraus, riegelten die Umgebung vor eventuellen Schaulustigen ab und trafen sofort die nötigen Maßnahmen, um ein Einsickern der Ladung in den Erdboden zu verhindern oder ein Entweichen in die Luft festzustellen. Über Funk wurde die Feuerwehr unterrichtet, um welche Art Ladung es sich handelte und wie das weitere Vorgehen auszusehen hätte. Um die Bevölkerung zu warnen, wurde eine vorbereitete Meldung an sämtliche Radio- und Fernsehstationen im Umkreis herausgegeben.

All dies passierte nicht. Sondern hier und jetzt nahm die Katastrophe ihren Anfang.

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